Hamburger Abendblatt vom 13.1.2006
Nessies schwedischer Kumpel
Ungeheuer: Nicht nur die Schotten haben ein eigenes Monster
Von Thomas Frankenfeld
Hamburg -
Im November 1933 gelang Hugh Gray am Gestade des schottischen Loch
Ness eine ziemlich unscharfe Fotografie - angeblich des allseits beliebten
Ungeheuers. Die aufbrandende Euphorie legte sich aber ein wenig, als man auf
dem Bild einen Labrador mit apportiertem Stock erkannte. Sichtungen von Nessie
hat es immer wieder gegeben - in der Regel nach etwa fünf Single Highland Whiskys. Die Schotten lieben Nessie eben - keine
Staus, keine Hektik, kein anderes Tier.
Schweden, dieses andere wunderschöne Reiseland, wo es ebenfalls an
vielen Sommerwochenenden satte 30 Grad wird -, fünfzehn am Sonnabend und
fünfzehn am Sonntag - scheint jedenfalls gegenüber so dubioser Kryptozoologie immun zu sein. Der ländliche Schwede ist
schließlich ein nüchterner Mensch und steht immer um 5 Uhr morgens auf - egal,
wie spät es ist.
Und doch hat er sein eigenes Monster: Es soll im abgrundtiefen Storsjösee in Jämtland leben und
wurde erstmals 1635 schriftlich durch Pfarrer Mogens Pedersen erwähnt. Der wackere Gottesmann hörte von zwei
Trollen, die angeregt über das Viech geplaudert hätten. Also muß es stimmen. Und bislang sind immerhin 500 Augenzeugen
aktenkundig.
Wie vertrauliche britische Regierungsdokumente aus der
Thatcher-Ära, die jetzt freigegeben wurden, zeigen, hat es gar auf höchster
Ebene britisch-schwedische Beratungen über beide Monster gegeben. Schwedens
Außenamt wandte sich 1985 hilfesuchend an die
schottische Regierung mit der Frage, wie man das "Storsjöodjuret"
vor Nachstellung schützen könne.
Die einschlägig erfahrenen Schotten verwiesen in einer Reihe von
Memos zwischen Edinburgh und Stockholm darauf, daß
Nessie seit 1981 per Gesetz gegen jeden Versuch, es per Schußwaffe,
Fallen oder Sprengstoff zu erledigen, streng geschützt sei. Resultat: 1986
wurde Nessies schwedischer Kumpel von der jämtländischen
Provinzregierung unter Schutz gestellt. Bismarck sagte mal, Gesetze seien wie
Würstchen - es sei besser, man sehe gar nicht, wie sie entstehen.
erschienen am 13. Januar 2006